Der nebenstehende Artikel ist am 18. Oktober 1985 im Zürcher Oberländer erschienen.

Moral und Doppelmoral eines Pfarrers

«Em Chesselflicker sis Hochsig» im Zürcher Tramdepot Tiefenbrunnen

Martin Sauter

Das Stück des Iren John M. Synge wurde von Gerold Späth in den Dialekt übertragen und von Absolventen der Schauspielakademie Zürich zur Aufführung gebracht.

Der Irische Volksdichter John M. Synge ist dem Zürcher Theaterpublikum wohl vor allem durch das Stück «Ein wahrer Held» ein Begriff, das zur Zeit im Schauspielhaus Zürich zu sehen ist. Seine gesellschaftskritischen Werke, die ungeschminkt das Leben der unteren Bevölkerungsschichten zeigen und auch mit Kritik an den Mächtigen nicht zurückhaltend sind, haben zu seinen Lebzeiten immer wieder zu Skandalen, Tumulten und Aufführungsverboten geführt. Das Stück «Em Chesselflicker sis Hochsig», das am Mittwochabend im Zürcher Tramdepot Tiefenbrunnen Premiere hatte, darf in Irland seiner kirchenfeindlichen Tendenzen wegen auch heute noch nicht gespielt werden.

Betroffen machender Realismus

Das Stück wird in einer Dialektfassung von Gerold Späth aufgeführt und ist entsprechend in Schweizer Landen angesiedelt, nämlich im Gebiet des oberen Zürichsees. Etwas gewöhnungsbedürftig ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die vier Absolventen der Schauspielakademie Zürich alle aus grundverschiedenen Sprachregionen stammen und deshalb in allen denkbaren Dialekten spielen - nur nicht in Zürichdeutsch. Dies tut aber dem betroffen machenden Realismus des Stücks keinen Abbruch.

Migg Moser, seine Mutter Marie und seine Begleiterin Lili Chessler sind Kesselflicker - Vaganten, lichtscheues Gesinder also in den Augen des Dorfpfarrers. Als ihn Lili und Migg darum bitten, sie zu trauen, lehnt er dies zuerst entschieden ab. Doch seine Moral entpuppt sich bald als Doppelmoral: Schnaps und Geld beseitigen die Skrupel schnell. Unglücklicherweise verhökert aber die Mutter Marie, die von der geplanten Hochzeit nichts weiss, eine Kanne, welche die beiden dem Pfarrer als Zahlung angeboten haben. Dieser nimmt den Vertragsbruch zum Anlass, seinen aufkeimenden Schuldgefühlen dadurch Genugtuung zu verschaffen, dass er sich weigert, die Trauung vorzunehmen. In der Folge entladen sich die zwischen Marie und Lili bestehenden Aggressionen über ihm: Er wird von den drei Kesselflickern jämmerlich verprügelt. In einem etwas absurd anmutenden Finale beschwört er anschliessend Blitz und Donner über die Vaganten herab.

Gut besetzte weibliche Rollen

Gut besetzt sind vor allem die weiblichen Rollen. Claudia Cariget gab dank ihrer Ausdruckskraft und nicht zuletzt auch dank ihres rauhen Bündner Dialekts eine überzeugende Lili ab: eine stolze Zigeunerin, die sowohl mit ihrem Geliebten als auch mit der eifersüchtigen Schwiegermutter und dem Pfarrer zur Rande kommt. Marie, eine verschlagene Alkoholikerin, die mit allen Mitteln um ihren Sohn kämpft, den sie bereits an Lili verloren hat, wird von Sibylle Jordi dargestellt, die ihre schwierige Rolle gut meistert und dabei eine erstaunliche Vielseitigkeit an Ausdrucksformen an den Tag legt.

Eine sehr undankbare Rolle fiel Hans Gysi mit dem Migg Moser zu: Oftmals musste er lange Zwischenräume zwischen seinen äusserst spärlichen Textpassagen ausschliesslich mimisch überbrücken, was ihm nicht immer mit wünschenswerter Intensität gelang: Hier hätte wohl Paul Lohr als Regisseur helfend eingreifen sollen. Andreas Schertenleib liess ebenfalls eine gewisse Dynamik vermissen, konnte aber das Publikum dennoch überzeugen.

Eindeutig positiv zu vermerken sind Bühnenbild und Technik. Die sehr einfach und abstrakt gehaltene Bühnenausstattung bot einen angenehmen Kontrast zu der sehr realistisch und mit viel Liebe zum Detail vorgenommenen Kostümierung. Dramaturgisch geschickt eingesetzt waren auch die Intermezzi einer Zigeunerkapelle - wenn es auch dem Realismus des Stücks besser entsprochen hätte, wenn diese nicht ab Tonband gespielt hätte.

«Em Chesselflicker sis Hochsig» ist während der nächsten drei Wochen jeweils freitags und samstags um 20.30 Uhr im Tramdepot Tiefenbrunnen in Zürich zu sehen und geht anschliessend auf Tournee.

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