Das Tagebuch eines Soldaten ist Frischs erste Veröffentlichung, welche die Armee zum zentralen Thema hat. Es entstand während eines militärischen Wiederholungskurses und wurde 1935 in drei Teilen von der NZZ gedruckt. Frisch distanzierte sich später von diesem Text - er hat ihn einmal als "furchtbar brav, anpasserisch, uninteressant"[6] bezeichnet -, und entsprechend ist er auch nicht in den Gesammelten Werken enthalten.
Ich habe diesem kurzen Text deshalb relativ viel Platz eingeräumt, weil ich damit Frischs Ausgangsposition darstellen möchte. Mich interessierte, welche der späteren Themen bereits hier auftauchen und welche Aussagen dazu gemacht werden. Ferner wollte ich überprüfen, ob Frischs Haltung eine andere war, als noch keine konkrete militärische Bedrohung der Schweiz bestand, wie es während der Niederschrift der Blätter aus dem Brotsack der Fall war.
Das Tagebuch eines Soldaten ist die Beschreibung eines Manövers, in die immer wieder Naturschilderungen, Portraits und philosophische Betrachtungen eingeflochten sind. Frischs Ton ist nicht heroisierend oder euphorisch, oft nachdenklich, oft aber auch heiter und insgesamt versöhnlich. Er ist nicht unkritisch gegenüber Militärdienst und Krieg, aber ebenso hinterfragt er die Argumente der Armeegegner. Letztlich betrachtet er den Krieg als eine Realität und den Militärdienst folglich als eine unliebsame Notwendigkeit, welcher er auch positive Aspekte abgewinnen kann.
Was die Schilderung der eigentlichen militärischen Handlungen angeht, so verschweigt Frisch nicht, dass ihm gewisse Pflichten, Unannehmlichkeiten und Leerläufe nicht behagen. Andrerseits scheint er auch einen gewissen Stolz zu empfinden, weil er unter diesen widrigen Umständen besteht. Das Manöver wird gar in einem Ton geschildert, der eine gewisse Begeisterung für das Abenteuerliche und Spielerische verrät, wenn auch durchscheint, dass Frisch diese Übungen nicht ganz ernst nehmen kann; allerdings scheint er nicht an deren tieferem Sinn zu zweifeln:
"Ich höre und stelle fest: wie die Rohrspatzen schimpfen alle, wenn sie im dritten oder sechsten Wiederholungskurs mit Taktschritt und Gewehrgriff, mit Fussdrehen und Grüssen beschäftigt werden, d.h. wenn der Drill, der ein notwendiges Mittel ist und Disziplin an sich bedeutet, zum Selbstzweck auswächst; keiner aber murrt, wenn er in einer zehnfach mühsameren Gefechtsübung irgend etwas lernt, was ihn überzeugt - und so finde ich denn meine eigne Einstellung bestätigt: Wenn schon, denn schon!"[7]
Wenn seine Kameraden einmal wegen Strapazen oder Langeweile an den Vorgesetzten Kritik üben, so stellt dies Frisch als zwar menschlich, insgesamt aber unberechtigt dar:
"Da höhnen und lächeln die einen, die andern fluchen über die Herren mit dem dicken Gold am Hut, die sie bestenfalls für Dummköpfe erklären, wenn nicht für teuflische Bösewichter, und über ihre Befehle, die offensichtlich Unsinn seien - und was wäre menschlicher als dies, dass wir ein Geschehen im Grossen und Ganzen beurteilen, obzwar wir nur winzige Ausschnitte daraus erfahren? Denn unerträglich ist es immer, wenn man eine Sache nicht versteht, die uns doch angeht. Und man überschätzt sich so gern, auch wenn wir zuweilen den Sinn der Welt leugnen, weil er uns nicht bekannt wird und wir nicht Mittelpunkt sind."[8]
Auch an einer anderen Stelle nimmt Frisch für die Vorgesetzten Partei und stellt die militärische Hierarchie als etwas grundsätzlich Notwendiges dar:
"Dazu kam es [...] nicht, ich meine: dass unser Hauptmann unartig war; denn er liess uns immer gerade soviel Freiheit, als sie der einfache Soldat verträgt, und das ist leider sehr wenig."[9]
Die Naturbeschreibungen, die schwärmerischen Worte über ein "ländliches Idyll",[10] verraten wohl die literarischen Neigungen Frischs, sind aber für die vorliegenden Fragestellungen unergiebig. Denn wenn auch eine dieser Schilderungen im Ausruf
"Wie schön ist dieses Land!"[11]
mündet, so darf man dies aufgrund des Textes nicht als patriotische Haltung, sondern nur als Begeisterung für die Natur unabhängig von politischen Staatsgrenzen werten.
Die Portraits dagegen dienen Frisch oftmals als Ausgangspunkt für Überlegungen über das Land und dessen Verteidigung. So mündet beispielsweise eine Beschreibung der Bauern unter den Soldaten in folgender Aussage:
"Sie wissen, was Land ist, und haben vielleicht noch jene ursprüngliche Einstellung zum Kampf für dieses Land; sie haben ein fragloses Recht zum Krieg. Wie fremd aber, wie fern von allem Ursprung wäre dieser heutige Krieg, und es könnte sein, dass gerade der Landmensch, der in so natürlicher Weise sein Leben einsetzt für sein Land, verzweifeln müsste, wenn er die granatenzerrissene Erde sähe."[12]
Wenn hier auch die Entfremdung der modernen Kriegführung anklingt[13] und eine bewaffnete Auseinandersetzung bei der gegebenen Rüstungstechnologie als Katastrophe erscheint, so wird doch uneingeschränkt das Recht zur Verteidigung postuliert.
Die oben zitierte Textstelle zeigt, dass Frisch dem Krieg trotzdem nicht unkritisch gegenübersteht. Allerdings legt er Wert auf eine Differenzierung dieser Kritik und will sich nicht einfach mit den Unzufriedenen solidarisieren:
"Das erlebt man ja immer wieder, dass einer eine Sache verurteilt, die auch wir verurteilen, und dass wir ihm - trotz aller Versuchung - doch nicht zustimmen dürfen, da er von einer Ebene aus spricht, die wir ebensowenig anerkennen können. So kommt es dann, dass wir ihm stumm oder laut widersprechen und gerade die Gegenmeinung vertreten müssen, weil er eine Sache allzu einfach macht, und schmerzlich fühlt man immer wieder, wie jede Idee, kaum geboren, von der Masse geraubt und erniedrigt wird: da dient der Pazifismus unversehens dem Bequemen und Feigen, sowie der Kommunismus dem Faulen und der Sozialismus dem Neidischen. So gerne hüllt man die eigene Schwäche in den Purpurmantel einer grossen Idee."[14]
Für Frisch ist der Krieg ganz einfach eine Realität, gegen die keine Weltanschauung ankommt und die man auch nicht dadurch aus der Welt schaffen kann, indem man sich ihm entzieht:
"Denn wie wir auch denken über Sinn oder Unsinn des Krieges: innerhalb des Gegebenen müssen wir sinnvoll handeln, und das heisst leider: kriegerisch."[15]
Er zweifelt nicht daran, dass sich im Ernstfall praktisch alle Schweizer dieser Haltung anschliessen würden - auch jene, welche jetzt noch gegen die Armee seien:
"Ein williger Verhetzter, der unsre Miliz alljährlich als unnützen und kostspieligen Friedensluxus, als Herrensport auf Kosten des Arbeiters beschimpft hat, schweigt heuer zum erstenmal, und allgemein hört man aus ihren leidenschaftlichen und ungeschickten Reden den gesunden Instinkt für das Wirkliche, das wir zwar verurteilen und bekämpfen, aber das wir nicht überwinden können, indem wir es leugnen."[16]
Zwar ist der Krieg für Frisch etwas Schreckliches, weil er
"alles Geglaubte umkehrt, unsere moralischen Grundlagen zur Bürde verwandelt und unter unsern Füssen eine Leere öffnet, einen weiten Abgrund."[17]
Trotzdem sieht er in der Bedrohung auch die Chance, dass man sich auf das Wesentliche besinnt und die Grenzen des Menschseins erkennt:
"Wohl kann diese seelische Lage, wie jede grosse Gefahr, so segensvoll sein wie zerstörend; in Angst stürzt sie die einen und lässt sie leichtfertig werden, gleichgültig und verzweifelt kraftlos, sie bauen keine Häuser mehr, da jederzeit ein Erdbeben kommen kann - andere vielleicht zwingt diese Bedrohung gerade zur fruchtbaren Besinnung, zur Sammlung all ihrer Kräfte und zur menschlichen Bescheidung, indem wir vor ewige Massstäbe gestellt werden und unser Ich nicht allzu wichtig nehmen können, und damit zum letzten Einsatz, zur Reife."[18]
An einer anderen Stelle vergleicht er den Krieg gar mit einer Sintflut, dass er also die Menschheit zwar nicht verändern, aber durch eine bessere ersetzen könnte:
"Höchstens mit dem erschreckenden, fast unerträglichen Sinn einer Sintflut lässt sich dieser Gedanke zeitweise ertragen, tröstlich nur in der Hoffnung, dass ein Noah ausersehen sei, ein Bleibender und Künftiger, der besser wäre als wir und unseres Opfers wert."[19]
Die Schweiz war im Jahr 1935 noch nicht konkret bedroht. Trotzdem empfindet Frisch die Zeit insgesamt als unsicher:
"Einem Volk im Erdbebenland gleicht unsere Lage, so dass sich immer wieder diese Frage stellt: Lohnt es sich überhaupt, sein Leben auf lange Sicht anzulegen, wo kein Jahr und kein Staat mehr so sicher wäre, dass er nicht morgen oder übermorgen unsern Lebensplan zerreissen könnte?"[20]
Diese Einschätzung begründet Frisch mit der Tatsache, dass "Italien unsre Jahrgänge unter die Waffen rief."[21] Daneben dürften aber auch die Eindrücke von seiner Deutschlandreise im Frühling desselben Jahres eine Rolle gespielt haben: Zwar ist im Tagebuch eines Soldaten nirgends davon die Rede, wohl aber im Kleinen Tagebuch einer deutschen Reise, welches einige Monate zuvor ebenfalls in der NZZ publiziert worden ist.
Frisch als einer, "dessen Heimat ja die Sprache ist"[22], empfindet zwar "eine dankbare Liebe zum deutschen Land"[23], genauer zu dessen künstlerischer Tradition. Von den Zuständen im Deutschland von 1935 ist er jedoch eindeutig betroffen. So schreibt er beispielsweise:
"In einer Parteibuchhandlung sah ich heute alle Köpfe, deren Namen ich vom Hörensagen kenne: Hitler und Friedrich den Grossen, ferner Hindenburg und den heiligen Horst Wessel, und zwischen allerlei Kampfbüchern und erzählenden Werken lagen drei blanke Dolche. Um dem Geist dieser Schriften zur Überzeugungskraft zu verhelfen?"[24]
Dabei erschrecken ihn nicht nur die Ideologien, die hier verbreitet werden, sondern auch, dass ihnen die Bevölkerung nicht widerspricht:
"Wir bewundern solche Disziplin, womit sie ihre Meinung unterdrücken, oder haben sie schon nichts mehr zu unterdrücken?"[25]
Ähnliche Kritik klingt an, wenn Frisch von Fahnenstangen spricht, "daran sich auf Befehl jederzeit die Volksbegeisterung hissen lässt"[26]. Oder davon, dass
"die meisten Deutschen wenig Mussezeit [haben], die sie nach ihrem privaten und freien Willen verbringen könnten; auch ihre Lesekraft gehört grösstenteils dem Staat, der seine teuere Propaganda gelesen und gesehen haben will."[27]
Oder von einer naturwissenschaftlichen Ausstellung, bei der man seine Augen auf Farbenblindheit testen lassen kann:
"Gelb und rot müssen wir einstellen, und dann bin ich der einzige Lächelnde, als einer das Geschaute für braun hält."[28]
In einer längeren Passage kritisiert er schliesslich die nationalsozialistische Rassenideologie, innerhalb der sich auch der folgende, oft zitierte verfängliche Satz findet:
"Was diese Ausstellung über die Juden bringt, die sie als auserwähltes Volk verspottet, lässt es uns äusserst schwer werden, über diesem dritten Reich das ewige Deutschland nicht zu vergessen; und man möchte wohl wünschen, dass das heutige Reich nach jenem notwendigen Zurückdämmen die Rassenfrage nicht länger auf die Spitze treibe."[29]
Auch wenn das "notwendige Zurückdämmen" für unser Empfinden ein schrecklicher Ausdruck ist, so muss man doch festhalten, dass der übrige Text keinerlei Zweifel daran aufkommen lässt, dass Frisch die Rassenideologie verurteilt[30] und als unsachliche Propaganda darstellt. Dabei sieht er sie - und dies ist für unser Thema besonders wichtig - nicht nur als eine Gefahr für Deutschland, sondern auch für dessen Nachbarn, spricht er doch im Zusammenhang mit dem Aufruf Hitlers an die Frauen, mehr Kinder zu gebären, von einem
"Volk ohne Raum, das sich noch selber die Not schafft, die kein Gebot kennt gegen Osten"[31].
[6] In einem Gespräch mit Volker Hage 1982; Hage, Max Frisch, S. 31.
[7] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6.
[8] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 18.9.1935, Blatt 5.
[9] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6.
[10] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 18.9.1935, Blatt 5.
[11] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 22.9.1935, Blatt 2.
[12] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 18.9.1935, Blatt 5.
[13] Wie auch an folgender Stelle: "Der Soldat am Geschütz sieht ja sein Ziel selten oder nie, und ich könnte mir denken, dass dieser Umstand im Ernstfall bedeutsam würde: er tötet nicht, er nicht, auch wenn sein Handeln tödlich ist. Das Ungeheuerliche zwar vermindert sich dadurch nicht." (Tagebuch eines Soldaten, NZZ 18.9.1935, Blatt 5).
[14] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 22.9.1935, Blatt 2.
[15] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6.
[16] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6.
[17] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 18.9.1935, Blatt 5.
[18] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6.
[19] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 18.9.1935, Blatt 5.
[20] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6.
[21] Tagebuch eines Soldaten, NZZ 16.9.1935, Blatt 6. Die Mobilisierung steht im Zusammenhang mit dem Überfall Italiens auf Äthiopien (Abessinien) vom 3. Oktober 1935.
[22] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 84.
[23] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 84.
[24] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 85f.
[25] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 93.
[26] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 86.
[27] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 96.
[28] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 89.
[29] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 91.
[30] In diesem Zusammenhang sei auch daran erinnert, dass Frisch im folgenden Jahr seine jüdische Freundin Käte heiraten will, was jene allerdings ablehnt, weil sie als Grund nicht Liebe, sondern ihre Rasse vermutet. (Hage, Max Frisch, S. 28; Max Frisch: 1911-1991, S. 95).
[31] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 90.