Die Blätter aus dem Brotsack entstanden während Frischs erstem Aktivdienst im Herbst 1939. Sie wurden zunächst im November und Dezember desselben Jahres - damals noch unter dem Titel Aus dem Tagebuch eines Soldaten - in der Zeitschrift Atlantis veröffentlicht. 1940 folgte eine - überarbeitete und ergänzte[32] sowie mit dem heute geläufigen Titel versehene - Buchausgabe. Das Werk hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Tagebuch eines Soldaten von 1935, wenn die beiden auch vom Umfang und von der literarischen Qualität her nicht miteinander vergleichbar sind. Entsprechend ist auch Frischs rückblickendes Urteil ähnlich ablehnend: Er nannte die Blätter aus dem Brotsack ein "treuherziges Tagebuch".[33]
Von Ende Dezember 1940 bis Anfang Januar 1941 erschien dann in der NZZ die Neue Folge der Blätter aus dem Brotsack. Diese Fortsetzung ist weniger bekannt: Weder wurde sie für die Neuauflage der Blätter im Jahre 1964 berücksichtigt, noch ist sie in den Gesammelten Werke enthalten. Da sie jedoch bezüglich unseres Themas einige Besonderheiten aufweist, wird sie hier in einem gesonderten Kapitel ebenfalls besprochen.
Mit den Blättern aus dem Brotsack brach Frisch sein damals etwa zwei Jahre altes "heimliches Gelübde, nicht mehr zu schreiben"[34], welches er damals aus dem Eindruck heraus geleistet hatte, "dass es mir im letzten Grund nicht reicht."[35] Nach seiner eigenen Darstellung geschah dies, um die existentielle Bedrohung durch den Krieg zu verarbeiten, welcher ihn aus seinem eben neu geordneten Leben und seiner "ersten bürgerlichen Stelle"[36] riss:
"Am Tag der Mobilmachung, da ich als Kanonier einrückte, überzeugt, dass uns der Krieg nicht erspart bliebe und dass wir kaum zurückkehren würden, wurde nochmals ein Tagebuch begonnen."[37]
Unklar ist, ob Frisch diese Aufzeichnungen nur für sich selbst machte,[38] ob er entgegen seinem Vorsatz wieder literarische Absichten hegte,[39] oder ob er - wie der Text selbst suggeriert - im Auftrag seines Batteriekommandanten schrieb:
"Es handle sich um ein Tagebuch, das geschrieben werden sollte, so ein Tagebuch unseres Grenzdienstes. Jeden Tag, während der Geschützschule, stehe eine Stunde zur Verfügung, auch eine feldgraue Schreibmaschine sei da."[40]
Es besteht also die Möglichkeit, dass Frisch den Text seinem militärischen Vorgesetzten vorlegen musste, was natürlich Einflüsse auf den Inhalt gehabt hätte - sei es nun, dass der Hauptmann eigenhändig Korrekturen vornahm resp. befahl, oder sei es, dass Frisch (gerade weil das Verhältnis zu seinem Kommandanten bereits belastet war) von sich aus Rücksichten nahm. Ausserdem sollte man nicht vergessen, dass die Presse während des 2. Weltkriegs grundsätzlich der Zensur unterworfen war;[41] dass der Aggressor Deutschland in keiner Weise verbal angegriffen und keine Personen- und Ortsnamen genannt werden, ist nur das oberflächlichste Zeichen dieser Zensur.
Es wäre also denkbar, dass die in den Blättern geäusserten Ansichten zumindest teilweise nicht Frischs Meinung entsprachen oder dass er jene teilweise nicht äusserte. Dagegen spricht allerdings, dass das Werk 1964 neu aufgelegt wurde, was Frisch spätestens dann nicht mehr zugelassen hätte, wenn es sich um einen Text gehandelt hätte, auf den von aussen derart Einfluss genommen worden wäre. Ausserdem ergibt ein Vergleich mit dem Tagebuch eines Soldaten, dass die geäusserten Gedanken für den jungen Frisch durchaus typisch waren, während die Neue Folge der Blätter aus dem Brotsack demonstriert, dass Frisch trotz der gegebenen Umstände Wege fand, Kritik anzubringen. Letztlich ist aber die (für die vorliegende Arbeit äusserst bedeutsame) Frage, ob die Blätter wirklich Frischs damaligen Ansichten entsprachen, nicht schlüssig zu beantworten.
Ob Frisch von Anfang an literarische Absichten hegte, als er die Blätter aus dem Brotsack schrieb, ist für diese Arbeit weniger wichtig. Allerdings könnte es gewisse Passagen erklären helfen, wenn man weiss, dass er zumindest ein literarisches Vorbild hatte, über welches er bereits 1935 schrieb:
"Dieses Kriegstagebuch von Carossa, das ich eben in der Hand hielt und jedermann schenken möchte: da ist diese menschliche Grösse, die sich in einer flammenden und blutenden Welt, wo alles aus den Fugen fällt, zum Glauben an den Sinn durchringt; [...] da ist ein dichterischer Kristall, wie er nur werden konnte unter dem ungeheuren Druck eines Weltschicksals, und ein reifer Geist, der uns Vorbild sei in tiefverwandter Zeit."[42]
Wie reagiert Frisch, da er nun als Soldat einer sehr konkreten Bedrohung gegenübersteht? Zunächst ist zu sagen, dass er die Notwendigkeit der bewaffneten Verteidigung nicht in Frage stellt. Und dass er selbst seinen Dienst leistet, ist ihm ebenfalls eine Selbstverständlichkeit, die keine Begründung braucht:
"Nur jetzt keine Redensarten!"[43]
Dabei stellt dies Frisch nicht etwa als seine persönliche Grösse dar, sondern als die Haltung aller:
"Im Grunde, wer wollte sich in dieser Stunde ausschliessen? Wer könnte fortan noch mit Ruhe und Freude an seiner Arbeit bleiben, während die andern in den Bergen stehen und sich die blauen Hände reiben? [...] Es gibt doch keinen Urlaub von der Zeit!"[44]
Entsprechend rechnet Frisch mit einzelnen Soldaten ab, welche sich seiner Ansicht nach durch fadenscheinige Urlaubsgesuche vom Dienst drücken wollen:
"Gelegentlich ist es zum Kotzen. [...] Wir alle haben ein Ziel, wofür uns das Dasein immer zu knapp ist. Alle versäumen das Uneinholbare. Nicht alle aber reden davon."[45]
Die positiven Figuren im Frischs Beschreibung sind entsprechend diejenigen, welche still, nur für gute Beobachter erkennbar, unter der Situation leiden, aber trotzdem ihre Pflicht erfüllen, auch für andere Interesse und Verständnis aufbringen können und immer noch für einzelne lebenswerte Momente offen sind.
Es ist möglich, dass Frisch nicht nur aus reinem Pflichtgefühl Dienst leistete, sondern auch, weil er so gemeinsam mit anderen gegen die Bedrohung irgendwie tätig werden konnte.[46] In diesem Sinn ist vielleicht der folgende Satz zu verstehen:
"Man wurde erwartet - das ist ein gutes Gefühl, man weiss, wohin man gehört."[47]
Das aktive Handeln hilft ihm auch zu vergessen, wie aussichtslos die Lage im Grunde genommen ist:
"Die Frage vergangener Jahre, ob es überhaupt einen Sinn habe, gegen eine Übermacht anzutreten, ist aus den Köpfen wie verdunstet. Mit einer geladenen Waffe in der Hand, da denkt sich manches anders. Wie es kommt, weiss keiner - aber auch der andere nicht."[48]
Ja er entdeckt sogar - wenn auch widerwillig - eine gewisse Begeisterung für Waffen an sich selbst:
"Es hilft nichts; es gibt einfach eine Freude an der Waffe, die auch den lauten Kriegsverächter überkommt. ... Es ist das Kind im Manne, ich weiss nicht, oder der Krieger im Mann. Oder auch nur der Handwerker, der sich über eine Schwingachse begeistern kann. Oder alles zusammen."[49]
Es gibt in den Blättern aus dem Brotsack einige Passagen, in denen sich Frisch klar zu patriotischen Gefühlen bekennt, etwa in der folgenden:
"Wir werden geboren und haben nicht um unser Leben gebeten, nicht unser Vaterland erwählt. Einmal am Leben aber, ja, wie hangen wir daran, und wie lieben wir auch das Land, das unser Vaterland ist, selbst wenn es nicht in aller Munde wäre, selbst wenn es uns schmerzt. Wir haben Menschen gesehen, denen man das Vaterland aus der Seele gerissen hatte, so, dass sie langsam daran verbluteten."[50]
Oder an einer andern Stelle, welche sich nicht nur auf das Vaterland im allgemeinen, sondern konkret auf die Schweiz bezieht:
"Wir denken noch oft an die Landesausstellung. Natürlich besonders nach unserem Urlaub. Sie kam wohl zur äussersten, zur besten Zeit. Wie begeisterte sie uns, unter viel anderem, für den Grundzug schweizerischer Eidgenossenschaft, für diese freie Bruderschaft verschiedener Sprachen!"[51]
Daneben spricht er der Schweiz als einem Kleinstaat bestimmte moralische Werte zu:
"Menschen eines Kleinstaats, was haben wir denn in der Welt zu erobern, wenn nicht die Weite des Herzens, die Reinheit und den Adel einer Gesinnung?"[52]
Dieser Patriotismus ist für Frisch nicht nur eine Geisteshaltung, sondern er bewirkt konkretes Handeln:
"Haben wir einen Feind? Und doch erwartet jeden, der sich dazu machen will, schon heute ein Ingrimm und eine Wut, die geschlossener, fragloser nicht sein könnte."[53]
Es fällt allerdings auf, dass es weniger eine Überzeugung vom Staat Schweiz und seines Gesellschaftssystem ist, die Frisch zu solchem Handeln treibt, sondern eher eine rational kaum erfassbare Verbundenheit mit der Volksgemeinschaft, eine angeborene Verteidigungsbereitschaft für den eigenen Lebensraum:
"Es muss ein Gefühl geben, das niemand ausdrückt. [...] Ein Gefühl, dass man uns nur aus einer vollkommenen Lüge heraus angreifen kann, und dann, dass wir immer etwas voraushaben - nicht die Hilfe einer göttlichen Gerechtigkeit, die eine Erfindung der Moralisten ist, noch immer unpatentiert nennen wir es einfach die Natur, die gläubige Wut eines Menschen, der auf seinem Boden steht, der keine sogenannte Idee braucht, die ihn in den Kampf treibt, und sich von einer tieferen, einer naturdumpfen Kraft getrieben fühlt, die nur wachsen kann, wenn man auf ihn schiesst, und möglicherweise, einmal dazu getrieben, einer panzerbrechenden Grausamkeit fähig ist."[54]
Entsprechend verwahrt er sich auch gegen eine Überstilisierung des Vaterlandes:
"Aber auch wir, die wir eine Fahne haben, einen Flecken auf der Erde, wo uns nur das Gewissen gebietet, müssen eine letzte Heimat erst suchen, und wer weiss, ob sie auf dieser Erde ist? Wir wollen das Grenzenlose, ob man es Herrgott nennt oder anders, nicht preisgeben und aus dem Boden, den es uns lieh, niemals einen Götzen machen, der den Menschen in uns erwürgt; wir werden unser Vaterland lieben und es verteidigen, niemals es anbeten."[55]
Insofern grenzt sich Frisch also gegen die Blut-und-Boden-Ideologie ab, welche er damals im Kleinen Tagebuch einer deutschen Reise bei den Deutschen kritisiert hatte. Dies liegt in seiner Haltung begründet, dass letztlich nicht ein Land, sondern Menschen die Heimat bilden:
"Eins wird man ja immer und überall haben, wie es auch kommt: das unverlierbare Gedächtnis an den Menschen, dem man zugetan ist, und der Glaube, dass es auch äusserlich weitergehen wird, wenn man nur innerlich in Ordnung wäre, der Glaube, dass das menschliche Herz immer und überall, auch jetzt, wirklicher ist als das sogenannte grosse Geschehen."[56]
Frisch stellt an sich selbst fest, dass er aus seiner Beobachterposition als Schweizer die Schrecken des Krieges gar nicht richtig erfassen kann:
"Wo, denkt man oft, wo ist nun das Gespenst des Krieges, das Bild des Tötens und das Antlitz der Toten, das Antlitz der anderen, die in dieser Stunde umherziehen wie getriebenes Wild, ein Bündel unter dem Arm, Verzweiflung im Herzen, und wo sind die rauchenden Städte? Ich sehe nichts. Auch wenn ich daran denke, aus Anstand daran denke..."[57]
Dennoch verharmlost er den Krieg nicht. Allerdings will er sich auch nicht einfach - wie schon im Tagebuch eines Soldaten - der grossen Masse der Kriegsgegner anschliessen, sondern sieht dieses Problem differenzierter[58]. So erhofft er sich vom Krieg auch positive Veränderungen auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene:
"All diese vergangenen Jahre, wer sehnte sich immer nach Wandlung des Lebens? Vielleicht kommt sie stets von anderer Seite. Weil es stets den Schrecken braucht, damit es uns weiterbringt. Es kommt nur darauf an, ob man ihm ausweicht, ob man ihn innerlich annimmt. Wozu also die grossen Verwünschungen? Im Grunde kann es doch nur das eigene Herz sein, das letztlich entscheidet, ob es eine brache oder fruchtbare Zeit ist. Und dann: Was war uns der Friede, solange wir ihn hatten? Ohne die Finsternisse der Nacht, wie knieten wir vor der Sonne? Ohne das Grauen vor dem Tode, wie begriffen wir jemals das Dasein? Alles Leben wächst aus der Gefährdung."[59]
Dieselbe Idee wird auch im Schlusssatz nochmals aufgegriffen:
"Schroffer, rücksichtsloser, schmerzlicher, aber auch klarer, und gültiger, grosszügiger, mutiger fallen die menschlichen Entscheidungen unter dem Segen einer grossen bewussten Gefährdung, die alles überragt, stündlich."[60]
Dieser positiven Einschätzung stehen allerdings auch Stellen gegenüber, an denen Frisch zwar ähnliche Hoffnungen äussert, sie aber letztlich - und hier scheint bereits die später für ihn so typische Skepsis durch - als Utopie darstellt. Die Bedrohung allein genügt nicht, solange sie nicht in einer realen Gefahr mündet:
"Dann denke ich wieder, wie es sein müsste, wenn das Schlimmste an uns vorüberginge und dass dann vieles neu und ganz anders werden müsste mit mir. Aber zugleich weiss ich, wie bald das alles vergessen ist, wenn man einmal wieder aufatmet."[61]
Insgesamt zweifelt Frisch also schon 1939 daran, dass ein Krieg die Menschen positiv verändern kann, obwohl er diesen Gedanken noch verfolgt. Ja mehr noch, er fürchtet sogar, dass die Sinnfragen, welche ein solches Ereignis in jedem aufwirft, die grosse Masse negativ beeinflussen wird - einige wenige vielleicht ausgenommen:
"Einzelne kommen wohl weiter zu sich, als es ihnen ohne das gemeinsame Ereignis je gelungen wäre, die seelischen Kriegsgewinnler sozusagen, vielleicht die letzte Rechtfertigung eines Krieges überhaupt. In der Masse aber, die das Suchen nie lange erträgt, wird einmal mehr eine unendliche Nachfrage nach Sündenböcken sein, und aus dem Hasse schiessen die neuen Lehren, die noch keiner errät, wie Pilze aus dem fauligen Boden."[62]
Von einem Klassendenken, von einem Misstrauen gegen das Establishment, welches das Volk für seine Zwecke missbraucht, ist in den Blättern aus dem Brotsack noch nichts zu spüren. Der Begriff "Sohn aus gutem Hause"[63] etwa taucht nur ganz selten auf, er bezieht sich sowohl auf Offiziere wie auf Soldaten, auf negativ wie auf positiv gezeichnete Personen, und er es insofern nichts anders als eine umgangssprachliche Herkunftsbezeichnung. Wenn einmal Misstrauen gegen eine - nicht genauer genannte - Gruppe von Mächtigen geäussert wird, dann hat dies nichts mit "sachlichem Erörtern"[64] zu tun, sondern ist eine nervöse Überreaktion:
"Immer wieder, dass einer platzt. Mir nichts, dir nichts. Alles ist Schwindel und Humbug. Alles nur ersonnen gegen seine werte Person, ersonnen von einer namenlosen Gesellschaft fabelhafter Schurken."[65]
Die folgende Auseinandersetzung mit seinem Kommandanten stellt Frisch nicht etwa als Beispiel für den Machtmissbrauch durch Offiziere dar, sondern als sein persönliches Versagen. Der Hauptmann, welcher ihm selbst "einen vorzüglichen Eindruck machte"[66], bezeichnet ihn als den "misslichsten Soldat auf dem ganzen Platz"[67] und droht ihm:
"Für Leute meiner Sorte, fügte er nur noch hinzu, gäbe es im Ernstfall ganz besondere Posten!"[68]
Frischs Reaktion darauf besteht lediglich darin, dass er sein Fehlverhalten eingesteht und selbst davon betroffen ist. Erst in späteren Texten wird die Entrüstung über das Verhalten des Offiziers spürbar.[69]
Von Ausnahmen abgesehen zeichnet er auch sonst ein positives Bild von seinen Offizieren und meint, dass jene von den übrigen Soldaten ebenfalls akzeptiert werden:
"Sonst [...] lässt sich doch sagen, dass man mit unseren Offizieren, wie es der Hauptmann seinerseits von der Mannschaft sagte, durchaus zufrieden ist. Etliche sind sogar wirklich beliebt, und das sind nicht einmal die milderen. Unser Soldat, scheint mir, sucht immer wieder im Offizier einen festen, strengen, sachlich und menschlich überlegenen Kameraden; er hat durchaus den Wunsch, zu glauben, aber er siebt ihn durch alle Zweifel, lange genug -Sein Vertrauen ist langsam."[70]
Als Frisch allerdings - vor versammelter Truppe zu einer Stellungnahme zum Begriff des Gehorsams aufgefordert - von Vertrauensgehorsam spricht, löst dies bei den Soldaten eine Kontroverse aus. Er selbst wollte damit sagen, dass Gehorsam idealerweise auf dem Vertrauen in die Vorgesetzten basiere; seine Kameraden werfen ihm jedoch vor, dass diese Äusserung "ein Verrat am Soldaten sei, ein Verrat an die Oberen",[71] und bezeichnen ihn als "einen Feind des Volkes, einen Feind der Demokratie".[72] Die Schilderung gipfelt in einem pointierten Satz, mit dem Frisch eigentlich den militärischen Gehorsam verteidigt:
"Schön ist es, wenn ein Volk so wachsam, so eifersüchtig auf seine Rechte und Freiheiten achtet, und traurig, wenn es darüber dumm würde, so dass jedes Wort, das an die Voraussetzung aller Rechte und Freiheiten erinnert, an die Pflicht, wie ein rotes Tuch wirkt."[73]
An einer anderen Stelle beschreibt er sehr anschaulich, wie er selbst erfahren musste, dass eine Gruppe von Soldaten ganz einfach einen Vorgesetzten braucht, um funktionieren zu können:
"Es bleibt dir nur noch die Einsicht, dass es tatsächlich nicht ohne Befehlen geht, auch beim besten Willen aller Leute."[74]
Eine einzige Andeutung habe ich gefunden, welche gegen die bedingungslose Gefolgschaft gerichtet ist, weil jene den persönlichen Interessen der Mächtigen diene:
"Eben lese ich [bei Homer], wie Paris und Menelaos sich schlagen wollen, sie, deren eigentlicher Haushändel es ist. Ich finde das so vernünftig, nichts als anständig und begrüssenswert. Wie wenn es eines Tages hiesse, man zöge die Heere zurück, die auf allen Ländern lasten, und zwei Staatsmänner treten zum Duell an..."[75]
Dann aber relativiert er diese Aussage sogleich wieder, indem er schreibt, dass das Volk selbst ebenfalls kampfeslustig sei und ihm die Mächtigen nur die Rechtfertigung lieferten:
"Oder sollten diese edlen Griechen so dumm sein, dass sie wirklich um Helena, um ein Weib, das einmal schön war und auch mit einem andern Manne ganz glücklich lebt, zehn Jahre lang im Felde liegen? [...] O Gott, wie dankbar sind sie doch um den niedlichen Vorwand, der sie daheim und vor sich selbst entschuldigt!"[76]
Die Reaktionen der zeitgenössischen Kritiker auf die Blätter aus dem Brotsack waren durchwegs positiv.[77] Der damalige "Literaturpapst"[78] Eduard Korrodi schrieb in der kurzen Einleitung zu einem Vorabdruck der Blätter in der NZZ:
"In der Natur- und Menschenbeobachtung, in dem vielfältigen Reiz der Sprache wirkt sich echtes Dichtertum aus, das keine falschen Töne duldet."[79]
Neben diesem Aspekt werden allgemein die philosophischen Qualitäten des Buches gerühmt:
"Der Inhalt ist tiefstes inneres Erleben. Wenige Bücher reichen so in den Grund menschlichen Daseins hinab, wie dieses."[80]
"Mutig ist dieser junge Dichter, denn er macht sich nichts vor, wenn er sich um den Sinn dieser Zeit, um den Sinn dieses Daseins bemüht."[81]
Besonders häufig wird Frischs Erwartung einer positiven Veränderung durch die Bedrohung gewürdigt[82], wobei gelegentlich die Parallelen zum Kriegstagebuch von Carossa angesprochen werden.[83] Entsprechend wurde auch gelobt, dass Frisch nicht im Selbstmitleid versank:
"Nichts scheint ihm so zuwider wie rührselige, weinerliche Auffassung der Geschehnisse und der Dinge."[84]
Allerdings erkennt man auch, dass man in Frisch keinen glühenden Anhänger der bewaffneten Landesverteidigung gefunden hat,[85] sondern einen kritisch denkenden Soldaten, dem es letztlich auch nicht um eine bedingungslose Befürwortung oder Ablehnung des Militärdienstes geht, sondern um die philosophischen Aspekte seiner Situation:
"Der Dienst schlug ihm nicht in den leidigen Grenzkoller um, aber aus seinem Tagebuch schlägt einem auch kaum eine eigentliche 'Dienstbegeisterung' entgegen; wesentlich ist ihm die Vergeistigung, ist ihm die Erkenntnis, dass Gefahr Segen bedeutet."[86]
Ebenfalls ein Zeichen für die positive Aufnahme des Werks ist schliesslich die Tatsache, dass Frisch von der Schweizerischen Schillerstiftung mit einem Buchpreis von 500 Franken ausgezeichnet wurde.[87]
Auch wenn damit der chronologische Aufbau dieser Arbeit teilweise verletzt wird, so soll an dieser Stelle doch noch kurz auf die Kritiken anlässlich der Neuausgabe der Blätter aus dem Brotsack eingegangen werden.
Es ist natürlich grundsätzlich ein schwieriges Unterfangen, ein Buch zu besprechen, welches unter ganz anderen Umständen entstanden ist. Diese Einsicht, welche am Anfang von Werner Webers Rezension in der NZZ steht, hat den Autor offenbar dazu verleitet, ausschliesslich die Perspektive der Kriegsjahre einzunehmen. Entsprechend ist sein Urteil kaum von den zeitgenössischen zu unterscheiden:
"Gibt es in der jungen Schweizer Literatur ein anderes Buch, in dem ebenso genau, wahr und gut die innere und die äussere Erfahrung des Bürgers dargestellt ist, der seinen Arbeitsplatz verlässt und Soldat wird?"[88]
Auch aus der zeitlichen Distanz von rund 25 Jahren "beschäftigt, bewegt, ergreift"[89] dieses Buch Weber, obschon - oder vielleicht gerade weil - sich Frisch
"für starke Bewegung des Herzens, für überraschende Erfahrung des Denkens kein starkes und kein überraschendes Wort"[90]
erlaube. Und schliesslich wird auch der Patriotismus Frischs hervorgehoben:
"Wie könnte man noch anständiger die Liebe zum Lande zeigen? In solchem Anstand spricht Max Frisch von Blatt zu Blatt."[91]
Ein ähnliches Verständnis spricht auch aus den Worten von Lukas Burckhardt, der bereits 1963 schreibt:
"Mit nüchterner Entschlossenheit erträgt man unter Kameraden humorvoll die kleinen Unbilden des Soldatenlebens, innerlich bereit zur letzten Bewährungsprobe, die nicht kommt, und erfüllt von einem selbstverständlichen Patriotismus, den man zwar nie laut äussert, weil das eine Entweihung wäre, aber gerade deshalb umso fester in sich hat."[92]
Solche Besprechungen, welche die inzwischen deutlich veränderte Haltung Frischs gegenüber der Schweiz ignorieren und in einer anachronistischen Begeisterung schwelgen, stellen allerdings eine Ausnahme dar. Heinz Beckmann etwa schreibt:
"Manchem Bewunderer von Max Frisch wird hierzulande ein Schreck ins Gebein fahren, wenn er liest, wie selbstverständlich für Max Frisch damals die Vaterlandsliebe und die Bereitschaft zur Verteidigung war."[93]
Auf Ähnliches macht der Rezensent der FAZ aufmerksam:
"Aber auch dies gehört zum Bilde Max Frischs, dass der Individualist damals ein 'gutes Gefühl' hatte, denn 'man weiss, wohin man gehört'; dass dieser auf Friedenskongressen sprechende Intellektuelle notiert: 'Es hilft nichts; es gibt einfach eine Freude an der Waffe'; und dass der Soldat Frisch, der es seinen Vorgesetzten nicht leicht machte, am Schluss doch vom 'Segen einer grossen bewussten Gefährdung' schreiben kann, 'die alles überragt'."[94]
Auch Frischs Gedankenwelt, welche von den Zeitgenossen so gelobt wurde, wird hier hinterfragt:
"Nüchtern und klar ist die Sprache, wenn Frisch sich zum eigenen Ich bekennt und in der ersten Person Einzahl berichtet. [...] Häufiger jedoch flüchtet sich das schreibende Ich hinter die Masken eines Gemeinsamkeit und Kameradschaft erzwingenden Stils: 'man', 'wir', 'du' - heisst es dann. Es verwundert nicht, dass in diesen Partien Frischs Gedanken durch immer wiederholte Beteuerungen ('im Grunde', 'ganz und gar') vernebelt werden."[95]
[32] Die Unterschiede zwischen den beiden Fassungen hat de Vin detailliert dargestellt (Max Frischs Tagebücher, Kap. 3). Für unsere Fragestellungen sind sie - wie in der Einleitung bereits dargelegt - nicht wesentlich. Ich beziehe mich hier auf die in den Gesammelten Werken enthaltene zweite Fassung.
[33] Dienstbüchlein, GW VI, S. 545.
[34] Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 588.
[35] Rede an junge Lehrer, GW IV, S. 207.
[36] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 113.
[37] Tagebuch 1946-1949, GW II, S. 588. Dieser Abschnitt mit dem Titel "Autobiographie" ist eine überarbeitete Fassung des bereits 1948 erschienenen Textes Selbstanzeige. Interessant ist, dass Frisch seine Aussage nachträglich leicht abgemildert hat: "Ich war überzeugt, [...] dass wir nicht zurückkehrten." hatte es dort ursprünglich geheissen (S. 98f). - Ähnlich äusserte sich Frisch auch im Gespräch mit Horst Bieneck (Bieneck, Werkstattgespräche, S. 24).
[38] "Unter dieser Bedrohung, die ich damals sehr ernst nahm (ich hatte nicht gedacht, dass wir ausgelassen würden), habe ich sozusagen für die letzte Zeit, die noch blieb, nochmals für mich diese Notizen gemacht." (Frisch, zit. in GW I, S. 664, gemäss Rolf Kieser. Max Frisch. Das literarische Tagebuch. Frauenfeld: Huber, 1975. S. 18.)
[39] Vgl. dazu de Vin, Max Frischs Tagebücher, S. 29 u. 111.
[40] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 127.
[41] Frisch beschreibt dies selbst im Dienstbüchlein (GW VI, S. 573). "Die Presse unseres Landes hatte vorsichtig zu sein, um Hitler keinen Vorwand zu geben. [...] Seit dem 8.9.1939 gab es die Presse-Zensur, seit dem 20.9.1939 die Film-Zensur."
[42] Kleines Tagebuch einer deutschen Reise, GW I, S. 96f.
[43] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 116.
[44] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 116.
[45] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 152.
[46] Hingegen halte ich die Äusserung, Frisch habe "die Einberufung 1939 als eine befreiende Unterbrechung des ereignislosen Schweizer Alltags" ("Ohne Urlaub von der Zeit", Spiegel vom 7.10.1953) empfunden, für eine zweifelhafte Interpretation, die erst aus der zeitlichen Distanz und in Kenntnis der späteren Entwicklung Frischs hat entstehen können.
[47] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 114.
[48] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 140.
[49] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 123.
[50] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 116.
[51] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 133.
[52] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 160.
[53] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 139.
[54] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 140.
[55] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 116f.
[56] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 122.
[57] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 145.
[58] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 159f.
[59] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 115.
[60] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 173.
[61] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 118f.
[62] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 132.
[63] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 162.
[64] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 124.
[65] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 124.
[66] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 123.
[67] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 123.
[68] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 123.
[69] In der Selbstanzeige (Atlantis-Almanach 1949, S. 98f.) und dann nochmals im Tagebuch 1946-1949 (GW II, S. 588) bezeichnet Frisch dieses Vorkommnis als "entscheidendes Erlebnis", welches er "nicht unter den vaterländischen Tisch fallen lassen" wolle, dessen Bedeutung er aber "erst nach Jahren" erkannt habe.
[70] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 163.
[71] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 155.
[72] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 155.
[73] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 155.
[74] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 151.
[75] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 148.
[76] Blätter aus dem Brotsack, GW I, S. 149.
[77] Die vollständigste Zusammenstellung der Rezensionen findet sich bei de Vin, S. 350f.
[78] Peter Stadler in der Seminarsitzung vom 26.10.1992.
[79] Korrodi, NZZ 24.3.1940.
[80] Frick, Schweizer Monatshefte 20, S. 260.
[81] E. F., Basler Nachrichten 26.5.1940.
[82] Beispielsweise von Clerc, Gazette de Lausanne 30.6.1940.
[83] E., Berner Student Januar 1941.
[84] E. F., Basler Nachrichten 26.5.1940.
[85] Clerc, Gazette de Lausanne 30.6.1940.
[86] E. F., Basler Nachrichten 26.5.1940.
[87] "Schweizerische Schillerstifung", NZZ 11.6.1940.
[88] Weber, NZZ 15.11.1964.
[89] Weber, NZZ 15.11.1964.
[90] Weber, NZZ 15.11.1964.
[91] Weber, NZZ 15.11.1964.
[92] Burckhardt, Autor Max Frisch, S. 4f.
[93] Beckmann, Rheinischer Merkur 4.12.1964.
[94] M. FAZ 30.1.1965.
[95] M. FAZ 30.1.1965.