Die Neue Folge der Blätter aus dem Brotsack nimmt verschiedene Themen der ersten Ausgabe wieder auf und kommt dabei zu vergleichbaren Aussagen. Aus diesem Grund scheint es mir nicht sinnvoll, diese bezüglich der Entstehungsumstände so ähnliche Fortsetzung ebenfalls systematisch zu besprechen: Die Resultate wären mehrheitlich dieselben. Somit gehe ich hier nur auf wesentliche Abweichungen ein.
Eine davon fällt gleich im ersten Absatz auf:
"Einmal waren wir die grosse Mode. Mädchen und Damen, auch ältere Herren trugen uns an ihrem Mantelkragen. Das war lustig. Das war vor einem Jahr; das ist vorbei -
Wir stehen noch immer im Dienst.
Aber wer will noch von Soldaten hören?"[96]
Aus diesen Worten spricht die Ernüchterung des Soldaten Frisch, welcher einst mit der Vorstellung eingerückt war, die gemeinsame Bedrohung habe die ganze Schweiz geeint, und jetzt feststellen muss, dass die öffentliche Anteilnahme für die Wehrmänner geschwunden ist. Aber auch die Soldaten selbst schätzen ihren Dienst nun anders ein, sie sehen ihre Lage realistischer:
"Unser Dienst hat sich verändert, unmerklich, aber grundsätzlich. Etliches glauben wir nicht mehr. Wir hören die Tatsachen, so weit man sie hört. [...] Zeiten gibt es ja nur zweierlei: das Schweigen, das schwer ist, oder das wirklich offene Wort, das wenn es reif ist, viele erschrecken wird."[97]
Dieses "wirklich offene Wort" spricht Frisch (beziehungsweise sein Kommandant) dann aus, als mit einem unmittelbaren Angriff der Deutschen Wehrmacht gerechnet wird:
"Die Tatsachen sehen: Wir stehen ohne Chance."[98]
Den wesentlichsten Unterschied zwischen den beiden Folgen der Blätter aus dem Brotsack machen allerdings die kritischen Anmerkungen über die Schweizer Gesellschaft und ihre Mentalität aus. In diesem Zusammenhang wäre etwa die Schilderung der Menschen in jenem Tessiner Bergdorf, in dem Frisch stationiert ist, zu erwähnen. Etwa die bissige Beschreibung des Pfarrers, welcher Ballspiele als Sünde, als Symbol des Kommunismus und überhaupt als das Ende der Welt betrachtet.[99] Oder die Portraits zweier Frauen, deren Wünsche und Sehnsüchte vor den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten kapituliert haben.[100] Oder ganz allgemein die Schilderung der Dorfgemeinschaft mit ihrer sozialen Kontrolle, ihren konservativen Moralvorstellungen und ihrer Perspektivenlosigkeit.
Noch deutlicher wird Frisch, wenn er vom grundsätzlichen Pessimismus, von der prinzipiell negativen Haltung der Schweizer gegenüber allem und jedem schreibt:
"[Es gibt] eine eidgenössische Art des Denkens [...], einen grundsätzlichen Kniff, um die Bejahung herumzukommen. Vor einem Jahr noch schnödete man über den fertigen Unsinn verdunkelter Städte: weil die Flieger doch den Weg fänden. [...] Man schnödete gegen das Impfen, gegen alles, was jemals kam und jemals kommen wird, und es sind die gleichen Leute, die daheim einen Blitzableiter auf ihr Haus stecken, wiewohl man doch, eben nach dieser Denkkunst, bedenken müsste, dass der beste Blitzableiter uns nicht vor Erdbeben, vor Gicht und Ehezwist schützt..."[101]
Ebenso kritisiert Frisch
"unsere berühmte Nüchternheit, die bekanntlich alle Mängel an Schwung, an Begeisterung, an Wagelust, an Schöpferischem schlechthin entschuldigt."[102]
In einer längeren Passage - die hier nur auszugsweise zitiert werden kann - analysiert er sehr pointiert das seiner Meinung nach lebensfremde Wesen der Schweizer, welches durch Unbeweglichkeit gekennzeichnet ist:
"Man nimmt es den Dingen, schon dass sie sich bewegen, von Herzen übel. Das ist bedenklich. Man empört sich über das Störende, das Entsetzen darüber, dass die Welt nicht ein Bestand, wie es der allgemeine Schweizer sehen möchte, sondern eine Bewegung ist. [...] Bedenklich ist es, weil man diesen Ruhestand des Geistes, diese gigantische Fremde vor allem Lebendigen, das nun einmal seinem Wesen nach ungemütlich und ungeheuerlich ist, gelegentlich mit Gesinnung verwechselt."[103]
"Wir, vor dieses Rätsel des Lebendigen gestellt, fragen bestenfalls nach dem Fortschritt. Das bleibt unser handliches Mass der Ereignisse, der Aberglaube des letzten Jahrhunderts. Man konnte alles, sich selber inbegriffen, nur annehmen, insofern es einen Zweck hat. Auch diesen Urdrang des Lebens: dieses ewige Gestalten und Umgestalten, dieses endlose Neumachen, Andersmachen, Wiedermachen, es musste einen Zweck haben, und das heisst: es musste, um angenommen zu werden - und es musste angenommen werden, da es einmal da war - ein Bessermachen sein."[104]
Schliesslich äussert sich bei Frisch auch ganz einfach eine gewisse Langeweile, ein Mangel an neuen Eindrücken, welche er etwa in der folgenden Passage andeutungsweise äussert:
"Unser Land ist zu klein, es droht die Wiederholung der Kulissen -
Wohl dem, der ein Scherenfernrohr hat! [...] Man sieht die Krater im Mond."[105]
Dazu passt auch die Beschreibung eines Soldaten, welcher in Bagdad gearbeitet hat und seinen Aufenthalt in den schillerndsten Farben malt. Frisch selbst fühlt sich wohl wie jener andere Soldat, welcher einst nach Südamerika auswandern wollte, aber aus Rücksicht auf seine kranke Mutter zuhause blieb.[106] Jetzt ist es die "kranke" Schweiz, das "kranke" Europa, welches Frisch und andere Reiselustige zurückhält, und diese Einschränkung empfindet er.[107]
Insgesamt ist die Neue Folge also geprägt von einer deutlichen Ernüchterung. Von einer Ernüchterung darüber, was der bewaffnete Widerstand gegen den Feind auszurichten vermag. Vor allem aber eine Ernüchterung darüber, was dies denn für eine Schweiz ist, die man unter dem Einsatz seines Lebens verteidigen soll.
[96] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 73.
[97] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 81.
[98] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 97.
[99] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 73f.
[100] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 75; 82, 84 u. 94.
[101] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 79f.
[102] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 95.
[103] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 92.
[104] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 92.
[105] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 87.
[106] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 77-79.
[107] Blätter aus dem Brotsack (Neue Folge), SH, S. 79.