Der nebenstehende Artikel ist am 23. Januar 1986 im Landboten erschienen.
Werke von Philipp Emanuel Bach wurden neu interpretiert
Martin Sauter
Die beiden Pianisten Gertrud Scheider und Tomas Bächli nannten ihre Darbietung an der Metzggasse 6 «Ein Zimmer für Carl Philipp Emanuel Bach». Die «Möblierung» dieses Zimmers bestand hauptsächlich aus Interpretationen von Bachschen Werken auf Flügel, Klavier und Klavichord und aus Zwiegesprächen zwischen den beiden Musikern, die auf musikalischer und auf verbaler Ebene geführt wurden.
Mit einem konventionellen Konzert hatte diese Darbietung wenig gemeinsam. Puzzleartig ergänzten sich Worte und Musik; die Worte erklärten, die Musik illustrierte. Oftmals wurden Werke zerlegt, ihre Themen herausgeschält, Frage-und-Antwort-Spiele inszeniert. Manchmal wurden Komponisten wie Haydn, Bach, Chopin, Kurtàg und Webern zum Vergleich herangezogen, ihre Werke wurden denen von Bach gegenübergestellt oder mit ihnen vermischt.
Musikalischer und verbaler Dialog
Durch rund ein Dutzend sogenannte «Unterhaltungen» wurden die musikalischen Elemente des Zimmers analysiert und arrangiert, erklärt und zueinander in Beziehung gesetzt. Jede von ihnen hatte ein kompositorisches Detail, eine interpretatorische Grundsatzfrage, eine Überlegung zur Darbietung selbst oder eine Information zum Inhalt. Es wurde über Pausen und Verzierungen, über Zusammenhänge und die Musik der Worte diskutiert und informiert. Ferner wurden Passagen aus Bachs Werk «Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen» vorgetragen. Gertrud Schneider und Tomas Bächli stritten und ergänzten sich in ihren Ausführungen. Sie sprachen miteinander, nebeneinander und gegeneinander - sowohl in Worten als auch in Tönen.
Distanz zur «Ernsten Musik» aufgehoben
Ihr Ziel, die Musik Bachs dem Publikum bekannt und verständlich zu machen, erreichten die beiden Pianisten voll und ganz, und dies in einer originellen, unterhaltsamen und gleichzeitig anspruchsvollen Form. Es fehlte weder die ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Musik noch die notwendige Portion erfrischender Ungehörigkeit, die demonstrierte, wieviel Witz in der sogenannten «Ernsten Musik» steckt. Auch wenn die beiden Pianisten sprachlich nicht völlig überzeugen konnten, verdient zumindest ihr Konzept grosse Anerkennung. Die «Zimmeratmosphäre» der Darbietung liess einen gewissen Mangel an Perfektion durchaus zu.
«Ein Zimmer für Carl Philipp Emanuel Bach» ist von Radio DRS als Hörspiel produziert worden und wird voraussichtlich am 3. oder 10. März dieses Jahres im Rahmen des Montagsstudios um 20.15 Uhr auf DRS 2 ausgestrahlt.