Retrodigitalisierung in der Praxis: Wie die Zentralbibliothek Zürich alte Bücher digitalisiert

Im Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich (1)

Im Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich (1)

Dass digitale Informationen viele Vorteile gegenüber gedruckten Informationen haben, brauche ich an dieser Stelle nicht zu erläutern – schliesslich lesen Sie diesen Artikel gerade online. Und es ist schon fast selbstverständlich, dass neu publizierte Informationen auch (oder sogar ausschliesslich) digital vorliegen.

Sobald es allerdings um etwas ältere Informationen geht, ist das Medium fast immer Papier. Und solches lagert in riesigen Mengen in unseren Bibliotheken. Wie kann man das Wissen, das in all diesen Büchern, Karten und Handschriften schlummert, im digitalen Zeitalter nutzbarmachen? Ein Besuch in der Zentralbibliothek Zürich (ZB) zeigt, welcher Aufwand für die nachträgliche Digitialisierung (sogenannte Retrodigitalisierung) erforderlich ist.

In einem für die Besucher nicht zugänglich Teil des Altbaus befindet sich das Digitalisierungszentrum der ZB. Hier stehen ein Dutzend hochwertige Scanner unterschiedlicher Bauart, deren Kaufpreis mit einem Neuwagen der gehobenen Mittelklasse vergleichbar ist. Sie erreichen eine Auflösung von bis zu 2’000 dpi und eine bemerkenswerte Tiefenschärfe. Und auch rein äusserlich haben sie mit dem, was man als durchschnittlicher Benutzer unter einem Scanner versteht, wenig gemeinsam. Denn insbesondere ältere Bücher dürfen nicht einfach kopfüber auf einen Flachbett-Scanner gelegt werden, weil sie bei diesem Spagat Schaden nehmen könnten.

Im Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich (2)

Im Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich (2)

Die mechanische Herausforderung der Retrodigitalisierung besteht also darin, das zu scannende Objekt flach unter den Scanner zu bekommen, ohne es zu beschädigen. Manchmal wird es hierzu von oben mit einer Glasplatte beschwert, manchmal mit einem elektrischen Lift von unten gegen eine Glasplatte gefahren, und machmal (insbesondere Landkarten) auch mit einem Luftstrom an einer Unterlage festgesaugt.

Viele alter Bücher lassen sich allerdings nicht 180 Grad öffnen und und müssen deshalb in einer halb geöffneten Stellung gescannt werden. Die diesbezüglich raffinierteste Lösung stellt der ScanRobot von Treventus dar, bei dem die Bücher nur gerade in einem 60-Grad-Winkel geöffnet werden müssen. Mit Hilfe eines Luftstroms zieht der ScanRobot jeweils zwei gegenüberliegende Seiten an einem Prisma vorbei und scannt diese dadurch völlig verzerrungsfrei (siehe dieses Video). Allerdings kommt auch dieser Roboter nicht ganz ohne menschliche Unterstützung aus, und so ist die Retrodigitalisierung ausgesprochen arbeitsintensiv.

Im Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich (3)

Im Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich (3)

Die Zentralbibliothek konzentriert ihre Kräfte deshalb auf Raritäten aus ihren Beständen, welche ohne die Digitalisierung für die Benutzer nur eingeschränkt zugänglich wären. So werden im Rahmen des Projekts e-rara in Zürich gedruckte Titel der frühen Neuzeit gescannt und online bereitgestellt. Auch Handschriften aus dem Mittelalter für das Projekt e-codices werden so der Öffentlichkeit kostenlos zugänglich gemacht.

Benötigt jemand ein vor 1900 erschienenes Buch in digitaler Form, und ist dieses noch nicht verfügbar, so kann er die Digitalisierung selbst in Auftrag geben. Nebst einer Grundgebühr von 10 Franken kostet dies 20 Rappen pro Seite – bei einem 150seitigen Buch wären das also 40 Franken. E-Book on Demand (EoD) heisst diese Dienstleistung, die übrigens auch verschiedene andere Bibliotheken im In- und Ausland anbieten. Reich wird die Zentralbibliothek damit allerdings nicht, und weil sie nicht am Google Books Library Project teilnimmt, kommt auch keine Unterstützung aus Mountain View.

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