Autobahn (Foto: Dirk Vorderstraße)

Schnell zu sein hilft nur, wenn auch die Richtung stimmt: Eine kleine Polemik

In Zeiten beschleunigten Wandels neigen Unternehmen entweder zur Schockstarre oder zum Aktionismus. Beide Reaktionen sind wenig hilfreich, werden aber in der Digitalen Revolution sehr unterschiedlich beurteilt: Aktionismus ist hip, Unternehmen müssen agil werden und sich transformieren, Geschäftsmodelle werden kurzerhand gepivoted, und grandios zu scheitern ist fast schon eine Form von Erfolg. «Done is better than perfect» oder «Fail fast» lauten die neuen Mantras der Technologie-Startups im Silicon Valley, die sich heute jedes KMU in Hinterpfupfikon auf die Fahnen schreibt. Das alles hat seine Berechtigung – aber es dient auch als Rechtfertigung für unglaublich viel Bullshit. Darf ich das kurz erklären?

Keine Frage: Die Digitalisierung hat innert kürzester Zeit diverse etablierte Geschäftsmodelle hinfällig werden lassen und ganze Branchen aufgemischt. Das Gespenst der Disruption geht um, und jedes Unternehmen könnte ihr nächstes Opfer sein. Dass man unter diesen Umständen sein Geschäftsmodell kritisch überprüft und allenfalls ergänzende oder alternative Geschäftsfelder aufzubauen versucht, ist deshalb völlig richtig. Es ist auch sicher nicht falsch, dabei ein gewisses Tempo vorzulegen und Experimente zu wagen, das dann schrittweise ausgebaut (oder auch wieder eingestellt) werden können.

Andererseits darf die drohende Disruption nicht dazu führen, dass man den gesunden Menschenverstand ausschaltet, ohne plausible Finanzierungsmodelle einfach einmal loslegt, völlig unausgegorene Produkte und Dienstleistungen auf den Markt wirft und sich in derart vielen Initiativen verzettelt, dass keine von ihnen richtig zum Fliegen kommen kann. Wie ein Startup zu denken kann nämlich nicht bedeuteten, dieselben Fehler zu machen wie ein Startup.

Wer aber heute eine Idee kritisch beurteilt, wird leicht in die Verhindererecke gedrängt. Das halte ich für eine fatale Entwicklung, denn es gibt nun mal nicht nur gute, sondern auch ganz viele mittelmässige und ein paar richtig schlechte Ideen. Ziel muss es doch sein, sich auf einige wenige, wirklich gute Ideen zu konzentrieren und diese konsequent umzusetzen. Oder um Steve Jobs zu zitieren: «Innovation is saying ‘no’ to 1’000 things.» Gerade in Krisenzeiten müsste eigentlich Fokussierung das oberste Gebot sein; stattdessen agieren viele Unternehmen nach dem Motto «Hauptsache, wir machen irgend etwas!»

«Irgend etwas» ist aber selten das, was der Markt braucht. «Irgend etwas» verleiht einem Unternehmen auch kein Profil und keinen USP. «Irgend etwas» verhilft allenfalls zu Erfahrungen, und daraus können neue – bessere – Ideen entstehen. Aber mit «irgend etwas» scheitert man auch überdurchschnittlich oft. Und scheitern ist und bleibt in der Geschäftswelt nur das zweitbeste Resultat: «Fail fast» ist ja auch keine Aufforderung zum Scheitern, sondern bedeutet: Wenn es schon schief geht, dann sorge dafür, dass Du es frühzeitig merkst und die Notbremse ziehen kannst! Wer scheitert, hat zwar etwas gewagt, aber er hat letztlich auch Ressourcen (Arbeitszeit und Kapital) vernichtet und dafür bestenfalls einige wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Das Scheitern zu glorifizieren scheint mir deshalb genau so verkehrt wie es zu stigmatisieren.

Auch wer einen gewissen Qualitätsanspruch durchsetzen will hat es heute nicht leicht – schnell haftet ihm das Etikett des Perfektionisten an. «Time to Market» ist heute das Mass aller Dinge, agile Projektmethoden zielen darauf ab, möglichst rasch ein «Minimum Viable Product» auf den Markt zu werfen. Es gibt auch viele griffige Zitate, welche diese Prinzip adeln: der bereits erwähnte Leitsatz von Facebook «Done is better than perfect!» beispielsweise (dessen grosser Bruder das Done Manifesto ist) oder ein Satz von Peter F. Drucker: «Es ist wichtiger, das Richtige zu tun, als etwas richtig zu tun.» Grundsätzlich bin ich damit zwar einverstanden, aber viel zu oft werden solche rhetorischen Keulen von jenen geführt, welche die fachliche Komplexität eines Themas nicht verstehen oder ganz einfach zu ungeduldig sind.

Agil zu sein ist wichtig in diesen Zeiten. Aber Schnelligkeit allein ist noch keine Qualität – die Richtung muss ebenfalls stimmen, sonst endet man leicht als Geisterfahrer auf dem Highway der Digitalen Transformation.

(Foto: Dirk Vorderstraße)

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