The Big One (Michael Moore, 1997)

Filmplakat: The Big One (Michael Moore, 1997)

Filmplakat: The Big One (Michael Moore, 1997)

Michael Moore geht in seinem neusten Film der Frage nach, warum Amerikaner ihren Job verlieren, damit Unternehmen noch profitabler werden. Er bietet keine sehr tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema, aber gutes Polit-Entertainment.

Filmgeschichte geschrieben hat Michael Moore mit seinem Film «Roger and Me» (1990): Als Arbeitsloser nahm er darin den Chef von General Motors, Roger Smith, ins Visier, nachdem General Motors Ende der 80er Jahre ihre Werke in Moores Heimatstadt Flint geschlossen, 30’000 Arbeitsplätze gestrichen und damit einen Grossteil der dortigen Bevölkerung der Arbeitslosigkeit preisgegeben hatte, weil die Werke nach Mexiko verlagert wurden. Moores Absicht, den GM-Boss mit den Auswirkungen dieser Schliessung zu konfrontieren, blieb natürlich unerfüllt. «Roger & Me» wurde jedoch zum finanziell erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten.

Ausgangspunkt von Moores neuem Film ist eine Promotionstour, die er als Autor von «Downsize This – Ein unbewaffneter Amerikaner schiesst zurück» («Downsize This: Random Threats of an Unarmed America») quer durch die USA absolviert. Ohne Wissen seines Verlags Random House nutzt er die Gelegenheit, um Material für «The Big One» zu drehen. In jeder Stadt findet er Beispiele dafür, dass hochprofitable Firmen ihre Angestellten – welche zu höchst bescheidenen Löhnen arbeiten – entlassen, um noch profitabler zu werden. Und Moore besucht sie, konfrontiert PR-Verantwortliche, Personalchefs und Geschäftsführer mit dem paradoxen und sozial unverträglichen Verhalten ihrer Firma. Moore legt dabei eine Dreistigkeit und Penetranz an den Tag, welche geradezu komisch wirkt – noch komischer sind aber die Verrenkungen, mit denen sich die Firmenvertreter aus einer Situation zu retten versuchen, in der sie eigentlich nur verlieren können.

Die Phänomene, die Moore anprangert, sind tatsächlich paradox: Da schliesst eine Fabrik für PayDay-Schokoriegel in Centralis, Illinois, weil das Werk dank besonders grosser Produktivität bereits rentiert hat – aus ist’s mit dem PayDay (= Zahltag) der PayDay-Angestellten. Johnson verlegt seine Fabrikation nach Mexiko, weil dort die Löhne noch tiefer sind als in den USA. TWA lässt telefonische Buchungen von Gefangenen bearbeiten – die haben zwar selbst nicht die Möglichkeit, die von ihnen verkauften Flüge zu nutzen, sind aber billiger (so wie auch Microsoft Software in Gefängnissen verpacken lässt). Die Angestellten eines Buchladens kämpfen dagegen, dass ihnen Krankenkassenbeiträge vom Lohn abgezogen werden, obwohl keiner der Ärzte in der Stadt diese Krankenkasse anerkennt; kein Wunder, dass das Management die Angestellten von Moores Lesung fernhalten wollen und deshalb an diesem Abend die Bücher selbst verkaufen; nur durch einen zugesteckten Zettel erfährt Moore von diesen Umständen. Immerhin: Hier organisieren sich die Angestellten, gründen eine Gewerkschaft.

Liegt die Lösung der Misere also in der Politik? Nein, meint Moore. Denn die Underdogs haben keine Partei, die sie vertreten würde. (Dafür haben die Reichen deren zwei: die Republikaner UND die Demokraten). Und die Präsidentschaftskandidaten sind allesamt korrupt, denn sie nehmen von jeder beliebigen Gruppierung Geld an, wie Moore praktisch beweist: Der ultrakonservative Pat Buchanan löst unverzüglich einen Scheck einer (fiktiven) Gruppe von Abtreibungsbefürwortern ein, Bill Clinton lässt sich von der Hanf-Liga finanzieren, und Ross Perrot übermittelt gar per Computerbrief seinen Dank «to you and your pedophile friends.»

Moore ist allerdings Amerikaner genug, um seine Kritik am amerikanischen Kapitalismus immer auch unterhaltsam zu präsentieren. Ironisch, sarkastisch, ja manchmal zynisch sind seine Auftritte bei den Lesungen. Wenn Profitmaximierung das oberste Gebot sei, dann – so folgert er konsequent – müsste General Motors eigentlich Crack verkaufen, weil hier die Gewinnspanne viel grösser sei als auf Autos. Andrerseits studiert er – wiederum ganz amerikanisch – die Verfassung der USA und stellt fest, dass das Wort «Profit» darin nicht vorkommt.

«The Big One» wäre nicht nur eine treffende Bezeichnung für den übergewichtigen, den gesamten Film dominierenden Moore, sondern ist vor allem dessen Vorschlag für eine Umbenennung der USA. So wie sich England Grossbritannien nenne und damit dieser kleinen Insel eine Würde verleihe, so brauchten auch die Vereinigten Staaten von Amerika eine Bezeichnung, welche die Potenz dieses Landes adäquat zum Ausdruck bringe. Dieser nationalistische Zug – obwohl ironisch aufbereitet – passt übrigens sehr gut zu diesem Film: Denn letztlich geht es Moore weniger um eine fundamentale Kritik des Kapitalismus, sondern ganz einfach darum, «Jobs for Americans» zu schaffen.

Insofern sollte Moore vielleicht tatsächlich selbst für die Präsidentschaft kandidieren, obwohl er diesen Vorschlag aus dem Kreis seiner Leser zurückweist: Die griffigen Parolen hätte er jedenfalls parat. Andrerseits fehlt es ihm – und das ist ein echter Mangel dieses Films – an Lösungsvorschlägen, die über Polemik hinausgehen. Mehr noch: Auch er selbst erweist sich als inkonsequent, denn er lässt sein Buch von einem grossen Verlag vermarkten und macht bei seiner Promotiontour fast nur in den Niederlassungen der grossen Buchhandelsketten Station. Dieser Widerspruch wird zwar im Film ebenfalls angesprochen, Moore ist jedoch auch in diesem Fall nicht bereit, seine eigene Rolle zu reflektieren: Mit einer selbstironischen Bemerkung handelt er das Thema ab und liefert so zwar eine weitere Pointe, verhindert aber jede weitere Diskussion. So meine Damen und Herren PR-Verantwortliche geht man gekonnt mit unbequemen Fragen um – nehmen Sie sich an Michael Moore ein Beispiel.

«The Big One» ist engagiert und gesellschaftskritisch, zugleich aber auch unterhaltend, ja populistisch. Man mag sich fragen, ob dies zusammengeht, man erinnert sich an den beobachtenden Dokumentarfilm, die «Geschichte von unten» des europäischen Kinos. Moore ist jedenfalls nicht einfach Kämpfer für die Underdogs, er ist auch Entertainer und Selbstdarsteller – ein «Hofnarr des Kaptialismus» (Axel Grumbach/Elke Wittich – JungleWorld), der «satirischen Agit-Prop der unterhaltsamsten Art» betreibt (FilmInitiativ Köln). Aber selten hat man so viele Firmenverantwortliche gesehen, welche sich so unbeschreiblich gewunden haben, um auf eine simple Frage eine vernünftige Antwort zu finden, die es gemäss gesundem Menschenverstand gar nicht geben kann. Und ebenso köstlich ist die Verleihung des «Downsize-Preises für erfolgreichen Arbeitsplatzabbau».

Ungeschlagen ist dabei Phil Knight, der Boss des Sportschuh-Herstellers Nike, welcher nicht mehr in den USA produziert, sondern Kinderarbeit in Indonesien in Anspruch nimmt. Er begründet dies ausgerechnet damit, dass kein Amerikaner mehr bereit sei, in einer Schuhfabrik zu arbeiten. Natürlich treibt Moore in Flint problemlos genügend entlassene GM-Angestellte auf, welche für Nike arbeiten würden – und natürlich will Knight trotzdem nicht in den USA produzieren. Zwar ist ihm anzurechnen, dass er sich als einer der wenigen Firmenchefs höchstpersönlich Moores Fragen stellt, doch er verletzt dabei jeden Grundsatz von guter PR. Damit liefert er Moore zwar nicht das Happy End, das jener sich für seinen Film (angeblich) gewünscht hätte, aber sicher einen der absoluten Höhepunkte.

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