Was man in einem laotischen Distriktspital über digitale Medien lernen kann

Werbung für Fibre-to-Home vor dem Kham District Hospital in Laos

Werbung für Fibre-to-Home vor dem Kham District Hospital in Laos

Wir reden ganz selbstverständlich vom World Wide Web und vom Globalen Dorf. Und doch ist unser Wissen darüber, wie digitale Medien in anderen Märkten und Kulturen dieser Welt funktionieren, begrenzt. Ein dreiwöchiger Einsatz mit dem Swiss Laos Hospital Project in einem laotischen Distriktspital hat mir diesbezüglich einige interessante Einsichten vermittelt.

Stellen Sie sich ein kleines Landspital in Südostasien vor: Ein halbes Dutzend einstöckige Gebäude gruppieren sich um einen staubigen Innenhof, auf dem sich einige Hühner tummeln. 50 Betten und ebensoviele Angestellte. Für die Diagnose ein einfaches Labor, ein Ultraschall- und ein EKG-Gerät. Für chirurgische Eingriffe ein Operationssaal, für Geburten ein Kreisssaal. Kein Röntgen – das gibt es nur im 60 Autominuten entfernten Provinzspital, ebenso wie eine Intensivstation oder eine Blutbank. In der Apotheke nur das Allernötigste, denn viele Medikamente sind unbezahlbar oder nicht erhältlich. Willkommen im Kham District Hospital im Nordosten von Laos, einem der Least Developed Countries dieser Welt!

Connectivity is King

Selbst hier, am sprichwörtlichen Ende der Welt, gibt es Computer, Smartphones und Internet. Aber obwohl direkt vor dem Spital Werbung für «High Speed Internet» und «Fibre to Home» hängt: Breitbandanschlüsse sind alles andere als die Regel. Das gesamte Spital verfügt über eine einzige 1.5-Mbit-ADSL-Leitung, welche die 50 Angestellten versorgt (plus den einen oder anderen Dorfbewohner, denn das WiFi-Passwort des Spitals ist ein offenes Geheimnis). Bereits die Sekundarschule hat keinerlei Internet Connectivity, und dasselbe gilt für die meisten Privathaushalte. Datenverkehr über 3G-Mobilfunk ist zwar möglich, aber für viele Laoten unerschwinglich. Die Digitale Kluft zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern ist in Laos deutlich spürbar.

Wie wichtig eine Internet-Verbindung an einem solchen Ort sein kann, haben wir eindrücklich erlebt, als eine bewusstlose Frau mit einer Pestizidvergiftung eingeliefert wurde. Die Angehörigen kannten zwar den Namen des Pestizids, doch die Ärzte wussten nicht, wie eine solche Vergiftung zu behandeln ist, und gedruckte Nachschlagewerke gibt es in diesem Spital praktisch keine. Eine kurze Internet-Recherche brachte die Lösung: In der Wikipedia ist nachzulesen, welche Substanz in welcher Konzentration verabreicht werden muss. Die Verbindung ins Internet hat dieser Patientin das Leben gerettet.

Nur 5 Prozent aller Haushalte in den Least Developed Countries (LDC) haben gemäss dem Measuring the Information Society Report 2014 einen Internet-Anschluss, in den Entwicklungsländern ist es knapp ein Drittel. Auch wenn es nicht um Leben und Tod geht wie im oben geschilderten Fall: Der Zugang zum globalen Datennetz wäre insbesondere in diesen Regionen der Welt eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung. Initiativen wie Internet.org, Alliance for Affordable Internet oder Wikipedia Zero versuchen deshalb, mehr Menschen online zu bringen.

Smartphones erobern neue Märkte

In letzter Zeit wurden vermehrt preiswerte Smartphones für Schwellen- und Entwicklungsländer lanciert. Auch in Laos gibt es – nebst Geräten von Apple und Samsung für Besserverdienende  – ein eindrückliches Angebot an günstigen Smartphones von hierzulande kaum bekannten Marken. Und so zauberten die Ärzte des Kham District Hospitals eine beeindruckende Smartphone-Palette aus ihren Kitteln hervor, als wir eine Schulung für ein medizinisches Online-Manual durchführten.

Für Anbieter von Websites und Smartphone Apps ist diese Situation sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung. Einerseits bringen die Billig-Smartphones mehr Menschen online, und damit vergrössert sich die potentielle Audience einer digitalen Massnahme. Andererseits wird der Aufwand für Entwicklung und Testing grösser, wenn sichergestellt werden muss, dass eine Website oder App auch auf Low-Cost-Geräten funktioniert.

Die Tücken der Lokalisierung

Laos ist ein Land mit vielen Sprachen – aber gut Englisch sprechen nur wenige Laoten. Jedenfalls gibt es unter den Ärzten des Kham District Hospital nur wenige, mit denen ein fachliches Gespräch ohne Dolmetscherin möglich ist. Merkblätter, welche unser Team erstellte, wurden deshalb wenn immer möglich auch auf Laotisch übersetzt.

Um den Ärzten einen schnelleren und ortsunabhängigen Zugriff auf diese Merkblätter zu ermöglichen, wollten wir letztere in eine zweisprachige Website überführen. Dies brachte allerdings einige Herausforderungen mit sich – nicht nur sprachliche, sondern auch technische. Dazu muss man wissen, dass die laotische Sprache nicht mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird, sondern ihr eigenes Alphabet besitzt. Unicode erlaubt es zwar, verschiedene Schriftsysteme in einem Word-Dokument bzw. auf einer Webpage zu kombinieren; aber nur wenn alle Komponenten (Betriebssystem, Schrift, Dateiformat) Unicode konsequent unterstützen, erhält man am Schluss keinen Zeichensalat. Hinzu kommt, dass im Laotischen die Wörter ohne Leerzeichen aneinandergefügt werden; damit auf einer Website ein sinnvoller Zeilenumbruch gewährleistet ist, müssen potentielle Trennstellen gekennzeichnet werden. (Für Details vgl. die Dokumentation von Lao Script for Windows.) Lediglich die Herausforderung von bidirektionalem Text blieb uns erspart, denn das Laotische wird wie das Englische von links nach rechts geschrieben.

Dieses Beispiel zeigt: Die Lokalisierung einer Website oder App hat ihre Tücken. Als Mitteleuropäer vergessen wir gerne, dass es weit mehr als nur das lateinische Zeichensystem gibt (vgl. Schriften der Welt).

Facebook: Wichtiger als E-Mail und Web

Eine weitere Entdeckung machte ich, als wir die Spitalmitarbeiter in einer kleinen Datenbank erfassen wollten: Das Feld «E-Mail» blieb in manchen Formularen leer, wogegen fast alle Mitarbeiter ein Facebook-Profil angaben. Auch machte ich die Erfahrung, dass Anfragen über den Facebook Chat sehr prompt beantwortet werden, während man bei E-Mails oft lange auf eine Antwort warten muss. Dass E-Mail die Standardmethode der digitalen 1:1-Kommunikation darstellt, trifft zumindest in Laos nicht zu: Hier hat Facebook diese Funktion übernommen.

Überhaupt spielt Facebook eine wichtige Rolle, während manche Ärzte bereits bei der Aufgabe scheiterten, eine bestimmte URL im Web-Browser ihres Smartphones aufzurufen. (Passend dazu: Millions of Facebook users have no idea they’re using the internet). Das Recherchieren im Internet ist noch keine Selbstverständlichkeit. Damit ist auch klar, dass Internet Connectivity allein nicht ausreicht, um die gesamte Weltbevölkerung online zu bringen: Genau so wichtig ist es, den Umgang mit den digitalen Medien zu vermitteln. Und natürlich nutzt das Internet nur denjenigen Menschen etwas, die lesen und schreiben können – in Laos ist das erst die Hälfte der Bevölkerung.

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